Gospelchor Rejoice

Wie alles begann - die schwarzen Sklaven der amerikanischen Südstaaten

Sie waren gewaltsam aus dem afrikanischen Kontinent entführt worden und mussten auf dem neuen Kontinent ein hartes Leben als Arbeitssklaven fristen. Aus ihrer Heimat konnten sie nichts mitnehmen, außer ihrer Musik. Diese bestand vor allem aus emotionalen und rhythmischen, nahezu geschrienen Liedern, den „Shouts“, mit denen sie sich ursprünglich bei religiösen Ritualen in dramatischer Steigerung in immer höhere Lagen gegenseitig in Ekstase gebracht hatten. In „Ring-Shouts“ standen sie im Kreis, tanzten, klatschten und scharrten mit den Füßen („Shuffle“). Andererseits hatten sie mit eher ruhigen, gleichmäßigen Liedern die göttliche Kraft herbeigerufen, die ihnen bei der Arbeit half. Nach dem typischen „Call and Response“-Prinzip gab es einen Vorsänger, dem die anderen antworteten. In ihrer neuen Heimat dienten diese Lieder vor allem ihrer Identitätswahrung und machten ihr hartes Leben erträglicher. Anstelle von Trommeln benutzten sie für den Rhythmus ihre Hände und Füße.

Als sie die christliche Religion annahmen, war es zunächst vor allem das Volk Israel, das aus der ägyptischen Sklaverei befreit wurde, mit dem sie sich identifizieren konnten. Das war die Geburt der Negro-Spirituals, die sie mit der gleichen Inbrunst insbesondere in ihren gottesdienstlichen Versammlungen sangen. Hierbei gewann das Call-and-Response-Prinzip eine neue Dimension, indem der Prediger der Gemeinde ein Thema zurief und diese mit Klatschen und Rufen antwortete, woraufhin wieder der Prediger etwas einwarf usw., sich ekstatisch steigernd. Jeder Teilnehmer war in das Gottesdienstgeschehen einbezogen, das ein stark gemeinschaftsstiftendes Ereignis war. Inhaltlich ging es in erster Linie um die Hoffnung auf ein besseres Leben, um die Befreiung aus der Sklaverei, die dann ja auch tatsächlich stattgefunden hat. Dabei gewannen die Spirituals eine ganz besondere Bedeutung: Sie dienten den Sklaven als Geheimsprache, mit der sie während der Arbeit ihre gemeinsame Flucht planen konnten. So war Jordan der Deckname für den Ohio, an dessen jenseitigem Ufer das gelobte Land, das Land ohne Sklaverei lag. Bei „Go down Mose“ war Moses der Deckname für eine ganz konkrete Person, die sie in die Freiheit führte, und bei „Swing low, sweet chariot“ ging es darum, als blinde Passagiere auf eine bereits fahrende Kutsche aufzuspringen.

Nach dem Ende der Sklaverei gab es für die Schwarzen keinen Grund mehr, sich mit dem Volk Israel zu identifizieren. Deshalb bekamen ihre geistlichen Lieder verstärkt neutestamentliche Inhalte. Am Ende des 19. Jahrhunderts fühlten sich viele Afroamerikaner von der großen Erweckungsbewegung angezogen. Diese betonte den direkten Einfluss des heiligen Geistes auf die Menschen. Spontane, geistgegebene Ausdrucksformen, emotionales Rufen, ekstatisches Zungenreden und improvisiertes Singen entsprachen der ursprünglichen Religiosität der Schwarzen. (Neutestamentliche Passagen wie die Beschreibung des Pfingstereignisses und ähnliche Stellen bei Paulus legen nahe, dass es in der christlichen Urgemeinde sehr ähnlich zugegangen ist!)

Mit der zunehmenden Urbanisierung seit Anfang des 20. Jahrhunderts kam es zu einem verstärkten musikalischen Einfluss durch Blues, Jazz und andere Musikrichtungen. So entsprach der Swing mit seinem vitalen, swingenden Charakter den hoffnungsvollen, positiven Inhalten der Lieder. Wenig später gewann der Soul durch seinen emotional ergreifenden Ausdruck Einfluss.

Mit dem veränderten Sound und den jetzt hauptsächlich neutestamentlichen Inhalten änderte sich auch der Name der Musik. Von nun an sprach man vom „Black Gospel“ (von „good spell“ = gute Nachricht, Evangelium). Gleichzeitig kam es zu einem Erstarken des Selbstbewusstseins der Schwarzen, das schließlich in der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King mündete. Eine treibende Kraft dabei war die Gospelmusik. Ihre authentischste und populärste Vertreterin war Mahalia Jackson, die als die musikalische Stimme der schwarzen Bürgerrechtsbewegung galt.

Die gottesdienstlichen Versammlungen spielten eine bedeutende Rolle, da sich die Schwarzen hier so frei wie nirgends sonst ausdrücken und fühlen konnten. Wer hätte damals gedacht, dass es einmal einen schwarzen US-Präsidenten geben wird.

Der „Black Gospel“ gehört nach wie vor zum Selbstbewusstsein der schwarzen Amerikaner. Weil immer auch zeitgenössische musikalische Richtungen wie Rock, Funk oder Hiphop Einfluss haben, ist er immer am Puls der Zeit. Von diesem „Contemporary Black Gospel“ fühlt sich auch die junge Generation angesprochen. Als seine wichtigste Metropole gilt Chicago.

Schon lange ist die Welle auch nach Europa übergeschwappt und es hat sich hier eine starke Gospelszene entwickelt. Diese hat zwar inzwischen ihre eigene Kultur mit eigenen Komponisten und Dichtern, sie erhält aber immer noch wesentliche Impulse vom Black Gospel aus den USA.


Und was genau ist Gospelmusik? 

Ihr typisches Wesensmerkmal ist in erster Linie ihr lebendiger und lebensnaher Charakter. Sie ist gelebte Musik. Immer wieder fließen aktuelle, zeitgenössische Musikstile mit ein. Deshalb findet sie auch bei der jungen Generation viel Anklang. Gleichzeitig ist sie eine betont geistliche Musik, deren Inhalte von der befreienden Botschaft des Evangeliums, von Lob und Dank und der Liebe zu Gott geprägt sind. Selbst Trauer und Verzweiflung münden in der Hoffnung und der Zuversicht auf Gottes Heilshandeln. Deswegen ist ihre Grundstimmung immer, auch in tiefer Leiderfahrung, positiv optimistisch.

Sie ist eine körperorientierte Musik, die ihre Inhalte nicht nur hören, sondern durch Rhythmus und Gesangsstil auch fühlen lässt. Beim Rhythmus gehen die Füße im Takt auf die Grundimpulse 1, 2, 3, 4 mit, die Hände klatschen dazu auf dem „back beat“, auf 2 und 4 (nicht wie traditionell europäisch auf 1 und 3!), und der charakteristische „off beat“ der Melodie, der zwischen den Grundimpulsen liegt, durchbricht die Gleichmäßigkeit, was zusammen die dynamische, vorantreibende Eigenart erzeugt.

Der Gesangsstil ist expressiv emotional. Dabei können anfangs leise, zarte Töne immer lauter werden bis hin zu fast geschrienen Tönen, die immer höher steigend ekstatisch mitreißend wirken.

Gospelmusik ist eine intensive und energiegeladene Musik. Das kommunikative Prinzip von „Call and Response“, der Wechselgesang zwischen Solist und Chor, führt dazu, dass der Funke sehr bald rüber springt und auch das Publikum die gleiche Kraft und Freude spürt wie die Sänger und Musiker auf der Bühne.

Insgesamt kann diese ekstatische, gemeinschaftsstiftende Musik zu einem religiösen, befreienden Ereignis für jeden Einzelnen werden. Und wer schon einmal das Glück hatte, einen mitreißenden Gospel, sei es aus einem Konzert oder gar aus eigener Chorerfahrung, als „kostenloses Ohrradio“ mit nach Hause zu nehmen, der weiß, welche Bereicherung die Gospelmusik auch für den ganz persönlichen Alltag sein kann. Mein Sohn würde jetzt sagen: „Man kommt dabei echt gut drauf!“

                                                                                                                                                                              Sabine Brandstäter-Zempel